Der ABI Plus TM

Analyse mit dem Arbeitsbewältigungs-Index Plus™

Der Arbeitsbewältigungsindex Plus™ (ABI Plus™) wurde im Rahmen des Programms „Fit für die Zukunft – Arbeitsfähigkeit erhalten“ im Zeitraum von 2008 bis 2012 im Auftrag der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) und der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA) unter der Leitung von Irene Kloimüller und Renate Czeskleba (Programmleiterinnen) gemeinsam mit Juhani Ilmarinen (Co-Autor des Arbeitsbewältigungsindex), Konrad Leitner (wissenschaftlicher Experte der TU Berlin, Meta-Daten-Auswertung, Skalenberechnung) und Heinrich Geißler (Beratung und Forschung Geißler) mit Unterstützung durch ein nationales ExpertInnenteam (u.a. Michaela Erkl, Roland Ernst, Kurt Leodolter) entwickelt.

Der Arbeitsbewältigungsindex Plus™ befindet sich im Eigentum der AUVA und PVA und ist eine Weiterentwicklung des ursprünglichen Arbeitsbewältigungsindex um die Dimensionen: Einstellungen und Werte, Fähigkeiten und Kenntnisse sowie Arbeitsbedingungen.

Der klassische Arbeitsbewältigungsindex, auch „Work Ability Index“ (WAI) genannt, ist ein Fragebogeninstrument, mit dem vor allem die gesundheitliche Arbeits­fähig­keit von Beschäftigten erfasst wird. Niedrige Werte in der Arbeitsbewältigung gehen mit einem vorzeitigen Ausstieg aus dem Arbeitsprozess, eingeschränkter Gesundheit, schlechterer Lebensqualität und klassischen Produktivitätsverlusten[1] (gemessen nach der QQ Methode[2]) einher. Mit den Berufsjahren nimmt für etwa ein Drittel aller ArbeitnehmerInnen das  Zusammenpassen von Arbeit und individuellen Ressourcen deutlich ab. Über die Förderung individueller Ressourcen und/oder der Umgestaltung von Arbeitsbedingungen kann dieses Zusammenspiel aber wieder optimiert und Arbeitsbewältigung deutlich verbessert werden.

Im Zuge des Programms „Fit für die Zukunft – Arbeitsfähigkeit erhalten“ wurde der Fragebogen –  ABI Plus™ – entwickelt, der Dimensionen eines ganzheitlichen Arbeitsfähigkeitsmodells gemäß des Hauses der Arbeitsfähigkeit (nach Juhani Ilmarinen, siehe Abbildung 1) erfasst. Ganzheitliche „Arbeits(bewältigungs)fähigkeit“ oder Arbeitsfähigkeit beschreibt, inwieweit ein/e ArbeitnehmerIn in der Lage ist, seine/ihre Arbeit angesichts der Arbeitsanforderungen, Gesundheit, mentalen Ressourcen, Qualifikationen, Werten und Einstellungen zu erfüllen. Arbeitsfähigkeit ist demnach die Übereinstimmung zwischen dem, was ein Betrieb dauerhaft verlangt und als Rahmen zu Verfügung stellt und dem, was eine Person unter den gegebenen Bedingungen nachhaltig leisten kann und will. Die Faktoren, die diese Übereinstimmung beeinflussen, werden im Modell „Haus der Arbeitsfähigkeit“ zusammengefasst (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Das Haus der Arbeitsfähigkeit nach J. Ilmarinen:
Das Modell „Haus der Arbeitsfähigkeit“ zeigt die Vielfalt der verschiedenen Ansatzpunkte für Arbeitsfähigkeit auf. Arbeitsfähigkeit kann sich verbessern, wenn aufeinander abgestimmte Maßnahmen gesetzt werden.

Arbeitsfähigkeit ist umso höher, je besser die Ausprägungen einzelner Dimensionen sind und je mehr die Arbeitsanforderungen mit den individuellen Ressourcen (Gesundheit, Qualifikation und Werte) zusammenpassen. Das ist kein statischer Zustand, sondern ein ständiger Adaptierungsprozess und dauert ein Arbeits-Leben lang an.

Der ABI Plus™ misst das Niveau von ganzheitlicher Arbeitsfähigkeit und bewertet den Zusammenhang zwischen verschiedenen Arbeitsbedingungen, Einstellungen und Werten, Qualifikation und Fähigkeiten, sowie Gesundheit in Bezug auf klassische Arbeitsfähigkeit (gemessen mit der WAI-Kurzform[3]).

Der ABI Plus™  umfasst 8 Skalen und 74 Items.

Übersicht über den ABI Plus™

Skalen Anzahl der Subskalen bzw. Items Darstellung
„Klassischer“ Arbeitsbewältigungsindex ohne Abfrage von detaillierten medizinischen Diagnosen, sondern  Anzahl der Diagnosen = Kurzform des WAI, in dieser Form in Österreich seit 1996 im Einsatz  7 Dimensionen,
11 Items (inkl. Einstufung berufliche Arbeitsanforderungen)
α = 0,76
Score 7-49 Punkte4 Qualitätsklassen:
7-27 kritische AF
28-36 mäßige AF
37-43 gute AF
44-49 ausgezeichnete AF
AF=Arbeitsfähigkeit
Freiburger Beschwerdeliste Kurzform (repräsentiert nicht med. Gesichtspunkte, sondern Muster alltäglicher Beschwerden) 20 Items
α = 0,92
Gebildet wird eine Summenskala (20=keine Beschwerden; 100=täglich alle Beschwerden).
Einschätzung der eigenen Kompetenz, Fähigkeiten und Fertigkeiten 4 Items
α = 0,79
5-stufige Skala, bei der kleine Werte positive Ergebnisse bedeuten
Werte und Einstellung zur Arbeit[4] 6 Items
α = 0,82
5-stufige Skala, bei der kleine Werte positive Ergebnisse bedeuten
Einschätzung der Zusammenarbeit 3 Items
α = 0,74
5-stufige Skala, bei der kleine Werte positive Ergebnisse bedeuten
Bewertung der Führung 6 Items
α = 0,92
5-stufige Skala, bei der kleine Werte positive Ergebnisse bedeuten
Einschätzung der Arbeitsanforderungen und Handlungsspielräume 8 Items
α = 0,78
5-stufige Skala, bei der kleine Werte positive Ergebnisse bedeuten
Erlebte Belastungen 16 Items
α = 0,83
5-stufige Skala, bei der kleine Werte positive Ergebnisse bedeuten
74 Items gesamt
Sozialvariablen Geschlecht
Altersklassen
Höchste abgeschl. Ausbildung
Arbeitsrechtliche Stellung
Beschäftigungsform
Regelarbeitszeit/Überstunden/
Dienstrhythmus (Schicht, Nacht…)
Wegzeit zur bzw. von Arbeit
Länge der Betriebszugehörigkeit
Hierarchische Funktion
Berufsgruppen
Abteilungen/Bereiche
% Auswertung
Offene Antwortmöglichkeit für persönliche Bemerkungen Freies Textfeld Wird in % der Antworten ausgewertet und textlich dargestellt

Validität und Reliabilität der Skalen im ABI Plus™

Basierend auf Auswertungen von bereits in Kombination mit dem WAI eingesetzten Fragen wurden Items zu den Stockwerken des Hauses ausgewählt bzw. neu gebildet und erste Hypothesen bzgl. möglicher Skalen formuliert. Neue Fragen wurden auf Verständlichkeit – in für die befragte Population repräsentativen Stichproben – mittels Interviews getestet.

In dieser Fassung (Generation1) wurde der Fragebogen zu drei Zeitpunkten in den Pilotbetrieben des AUVA-PVA-Programms „Fit für die Zukunft – Arbeitsfähigkeit erhalten“ eingesetzt. Die vom WissenschafterInnenteam formulierten Fragen und Zusammenhangshypothesen wurden statistisch auf ihre Validität (Gültigkeit) überprüft, nach jedem Durchgang wurden die Daten durch Konrad Leitner, Experte an der Technischen Universität Berlin analysiert und  Skalen für einzelne Dimensionen nach dem Konzept “Haus der Arbeitsfähigkeit” gebildet und überprüft. Der Skalenbildung selber gingen umfangreiche Analysen (missing data, Faktorenanalyse, Korrelations- und Konsistenzanalysen für Gesamtdaten, nach Geschlecht, nach Alter und nach Branchen) voraus. Statistisch ungeeignete Fragen (z.B. mit einem hohen Anteil von Nichtbeantwortungen oder schiefen Verteilungen) wurden ausgeschlossen.

Für die Endversion der Skalen wurde Cronbach’s Alpha bestimmt. Angesichts der nicht geringen Anzahl an Items können die ermittelten Alphas als gut bis exzellent bewertet werden.

Alle Befragungen zur Entwicklung des ABI Plus™ wurden in schriftlicher Form durchgeführt und zwar bei Erwerbstätigen von 16 Jahren bis 65 Jahren aus den Branchen Handel, Gesundheit und Soziales, Produktion & Verarbeitung, Bau, Entsorgung, Transport, Speisenproduktion, Logistik und Verwaltungsbereich.

Auf Basis von rund 7330 Antwortenden wurde die zweite Generation des ABI Plus™-Fragebogens mit 8 Skalen und 74 Items komplettiert. Der Fragebogen wird in dieser Form nun unter anderem im Rahmen der Umsetzung des Arbeits- und Gesundheitsgesetzes (fit2work-Betriebsberatung) eingesetzt.

Ökonomie des ABI Plus™

Die Bearbeitungsdauer des Fragebogens liegt bei 10-15 Minuten, inklusive Instruktion.
Die Länge ist damit Personen und Betrieben erfahrungsgemäß sehr gut zumutbar  (Befragungen erfolgen fast ausschließlich in der Arbeitszeit).
Das automatisierte Auswertungsprogramm reduziert vor allem den Auswertungszeitraum und ermöglicht eine Darstellung als kompakten Datenbericht auch bei großen Datenmengen in  1- 3 Tagen (inkl. Qualitäts-Kontrolle).
Online Tool und Datenbank wurden von Michael Smuc (Donau-Universität Krems, mindfactor) entwickelt und programmiert.

Der ABI Plus™ wurde in deutscher Sprache validiert, aus Einsatzgründen bei Zielgruppen mit migrantischem Hintergrund wurde der Fragebogen jedoch auch in Serbisch, Kroatisch, Slowenisch und Türkisch übersetzt. Hier können entweder MultiplikatorInnen geschult werden, oder die übersetzten Bögen als Anleitung zur Befragung dazugegeben, oder direkt ausgefüllt werden.

Statistische Linear/Datenberichte
Die Auswertung besteht aus einem sogenannten statistischen Linearbericht, der Skalen in Mittelwerten, Anzahl der Probanden und Standardabweichung darstellt und zusätzlich die Einzelitems zu den Skalen in % und Anzahl der Antwortenden angibt.

  1. Die Werte des klassischen Arbeitsbewältigungsindex werden in einem Gesamtscore und 4 Qualitätsklassen dargestellt,
  2. die Freiburger Beschwerdeliste (mit Fragen wie nach der Häufigkeit von Rücken- oder Nackenschmerzen, Müdigkeit usw.) in einem Summenwert und
  3. die restlichen Skalen (wie die zu Kompetenzen, Zusammenarbeit, Führung usw.) in Mittelwerten, welche mittels Alexander Normwerten in ihrer Bedeutsamkeit bzgl. der Realität der Arbeitsbewältigung  besonders positiv oder besonders negativ dargestellt werden können. Mit den  Alexander Normwerten können Assoziationen mit einem einfachen Schulnotensystem (1 = sehr gut, 3 = befriedigend) vermieden werden. Ein Mittelwert von z.B. 1,9 zu Führungsverhalten kann in einem Unternehmen ein besonders guter Wert sein, in einem anderen, wo dieser Wert bei einer vorhergehenden Befragung schon bei 1,5 war, ein alarmierender Wert.

Alle Skalen und Einzelitems werden für alle Sozialvariablen dargestellt unter der Voraussetzung einer Gruppengröße ab 15 Personen.

Deskriptive Berichte
Optional (in über 90% der Fälle) erhält/bezahlt der Betrieb zusätzlich zum statistischen Linearbericht einen deskriptiven Bericht, der alle Ergebnisse entsprechend dem Modell vom Haus der Arbeitsfähigkeit darstellt. Dabei werden -  wie in einem Rundgang durch die vier Stockwerke, strukturiert nach Werten zu Gesundheit, Kompetenzen, Werten und Arbeitsbedingungen, die jeweiligen Ergebnisse des Unternehmens dargestellt und erklärt. Darüber hinaus werden Benchmarks/Referenzwerte innerhalb des Unternehmens, aber auch – soweit Daten vorhanden – mit der Branche erstellt und Hinweise für etwaigen Handlungsbedarf zusammengefasst. Teil dieses Berichtes ist ein Executive Summary.

Zum deskriptiven Bericht wird eine Power Point Präsentation erstellt.

Der ABI Plus™-Fragebogen wird online, gegebenenfalls auch als Paper Pencil ausgefüllt.

Die Erhebung mit dem Arbeitsbewältigungsindex Plus™ ist immer  in eine Prozessbegleitung bzw. ein Projekt/Programm mit einer innerbetrieblichen Projektstruktur eingebettet und wird nicht als isoliertes Modul in den Betrieben eingesetzt.

Befragt wird in der Regel zumindest zweimal, nämlich zur Analyse und Evaluierung im Rahmen eines Projektes. Zumeist wird der ABI Plus™ aber in einem Kontinuierlichen Verbesserungsprozess zu Förderung von Arbeitsfähigkeit eingesetzt.

Unter der Voraussetzung, dass Projektstruktur, professionelle Durchführung und zumindest zweimalige Befragung mit dem ABI Plus™ seitens eines Unternehmens  garantiert sind, wird der Fragebogen von Seiten der PVA und AUVA den Betrieben zu Selbst-Kosten (Programmierung des Tokens, der Einpflege der betriebsspezifischen Sozialvariablen, einer Qualitätsüberprüfung) zu Verfügung gestellt.
 
Das  Arbeitsbewältigungs- Index Plus™ Team
 
Inhaltliche Verantwortung:
Dr.in Irene Kloimüller
Mag.a Renate Czeskleba

Programmierung und Statistiken:
Mag. Michael Smuc
Psychologe mit Fokussierung auf Methodik (Statistik, Versuchsdesign) und Kognitionswissenschaft; mehrjährige Erfahrung als Projektleiter und Projektmitarbeiter in nationalen und internationalen Forschungsprojekten

  • seit 2002 selbständig als Entwickler von Onlinetests und Datenbanken im Bereich Arbeits- und Organisationspsychologie
  • seit 2007 Projektmitarbeiter und Projektleiter an der Donau-Universität Krems mit den Schwerpunkten Usability, Human Computer Interaction und Participatory Information Design

 


[1] Prozentualer Produktivitätsverlust nach Arbeitsfähigkeits-Index in Unternehmen (Erasmus MC Rotterdam, T. Vandenberg, 2009)

[2] Quantity and Quality Method nach Brouwer et al., 1999 (How much work did you perform during regular hours on your last regular workday as compared with normal?; Skala von 0-10)

[3] Ohne Liste der medizinischen Diagnosen, nur Anzahl der Diagnosen

[4] Durch welche Wertehaltung ist das Verhältnis zur Arbeit geprägt, bedeutet Arbeit Sinn- und Wertvolles, hat man das Gefühl nützliche Arbeit zu tun, will man im Arbeitsprozess bleiben…